Das Horrorhaus in der Kulmer- und Alvenslebenstraße

von Matthias Bauer

„Ein Horrorhaus“ so brachte es Uli Zelle, der Reporter der RBB-Abendschau auf den Punkt in seinem Bericht in der Abendschau am Samstag, den 9. April. Es geht um die Kulmer Straße 2 bis 4 sowie die Alvenslebenstraße 12 und 12A. Seit mehreren Jahren ist das Haus eingerüstet, vor einem halben Jahr wurden die Aufzüge ausgebaut. Und vom Dach, auf dem Penthäuser mit Blick über Berlin gebaut werden, regnet es in die Treppenhäuser, die Beleuchtung der Treppenhäuser funktioniert nicht mehr.

Link zum Beitrag der Abendschau:

https://www.rbb-online.de/abendschau/videos/20220409_1930/lift.html

Als die Aufzüge vor einem halben Jahr ausgebaut wurden, meinten die Monteure im Gespräch mit den Mietern, der Einbau der neuen Aufzüge, mit denen auch das neu erbaute Dachgeschoss erschlossen werden sollte, das könne wohl zwei Monate dauern.

Nun, nach sechs Monaten Stillstand wird offensichtlich, dass es Probleme gibt bei der Umsetzung. Es fehlen auch noch Treppenläufe bis in das neue Dachgeschoss, die natürlich vor dem Einbau der neuen Aufzüge hätten hergestellt werden müssen. Man fragt sich, warum die alten Aufzüge ausgebaut wurden, ob wohl die baulichen Voraussetzungen für den Einbau neuer Aufzüge noch nicht gegeben waren ?

Freche Behauptung: CO2-freie Baustelle. Ein Bauschild mit Infos zum Bauherrn, Architekt, Statiker usw. wie die Berliner Bauordnung es in §11 vorschreibt, sucht man vergebens.

Die Folge diese unverantwortlichen Handelns ist, dass ältere, gehbehinderte Mieter:innen seit Monaten in ihren Wohnungen gefangen sind und sich von Verwandten versorgen lassen müssen. Und die, die noch die Treppen steigen können, riskieren einiges in regennassen Treppenhäusern ohne Licht. „Müssen wir uns erst den Hals brechen . ..“ fragte einer der Mieter im Interview mit Uli Zelle von der Abendschau. Und ein anderer wies darauf hin, dass man sich ja nirgends beschweren könne: „Hausverwaltung? jibt’s ja nich mehr!“

Höchste Zeit, dass das Bezirksamt hier eingreift – zum Schutze der Bewohner. Die Beteiligten – die Hausverwaltung, die Investoren der Dachaufstockung und die Gemeinschaft der Wohnungseigentümer – sind offensichtlich alleine nicht in Lage die Probleme zu lösen.

Das Martyrium für die Mieter fing an im Jahr 2013, als die Tarsap das Gebäude kaufte. Sie wandelte die 60 Mietwohnungen um in Eigentumswohnungen und sorgte mit unappetitlichen Methoden dafür, dass die meisten Mieter im Laufe der Jahre auszogen: durch unsachgemäßen Umgang mit Asbest, Vernachlässigung von Instandsetzung, Schimmel, Vermüllung, Einschüchterungen durch Modernisierungsankündigungen und Kündigungen, überhöhte Betriebskostenabrechnungen, durch Umwandlung der Fahrrad- und Müllräume im Erdgeschoss in Gewerberäume. Die werden nun von Car-Wash und Car-Cosmetic genutzt, mit der Folge, dass es in den Treppenhäusern oft nach Autoabgasen riecht.

Der Fall einer Mieterin ging 2017 durch die Presse. Die Mieterin musste vorübergehend ausziehen wegen Sanierung eines Wasserschadens. Während der Sanierung wurde das Schloss der Wohnungseingangstür ausgetauscht, so dass sie nicht wieder einziehen konnte. Die Wohnung sei nun neu vermietet hieß es, als die Gerichtsvollzieherin den Schlüssel in den Geschäftsräumen der Tarsap beschlagnahmen wollte. Der „neue Mieter“ war ein gewisser Herr Piehler, seines Zeichen damals auch Geschäftsführer der Tarsap GmbH. Der Versuch sich wieder in die Wohnung zu klagen endet mit einem Vergleich vor dem Amtsgericht Schöneberg. Der Rechtsanwalt der Tarsap drohte vor Gericht, die Mieterin als Verursacherin des Wasserschadens zu verklagen. Obwohl eigentlich klar war, dass mangelnde Instandsetzung und nicht die Mieterin schadensursächlich war, nahm die Mieterin aus Angst vor dieser Klage die Entschädigung in Höhe von 25.000 € an und verzichtete auf ihre Wohnung. Nur, bis heute hat sie davon keinen Cent gesehen.

Link zum Artikel in der Berliner Zeitung vom 6. September 2017, PDF-Dokument

Denn die, die das ganz Schlamassel angerichtet haben, sind über alle Berge. Seit 2017 drückt sich die Tarsap davor, die vor dem Amtsgericht vereinbarte Summe zu bezahlen. Die letzten Wohnungen seien dann schnell an einen Rechtsanwalt verkauft worden, wahrscheinlich ein Strohmann der Tarsap, munkeln die Mieter. So ist auch nichts da, was gepfändet werden könnte.

Und heute leiden nicht nur die Mieter unter den Verhältnissen, sondern auch die Erwerber, die von der Tarsap Wohnungen gekauft haben. Sie wurden mit schönen Bildern über den realen Zustand des Gebäudes getäuscht und betrogen, z. B. wurden die Dächer auf den eingeschossigen Anbauten als Terrassen mit verkauft, obwohl diese gar nicht als solche nutzbar sind. Und nun kommen auf die Einzeleigentümer Sonderumlagen in fünfstelliger Höhe zu für Fassadendämmung, Instandsetzung der Treppenhäuser u. a. – Kosten, mit denen die meisten nicht gerechnet hatten. Logische Folge sind Zahlungsrückstände, Uneinigkeit innerhalb der Eigentümergemeinschaft und damit Handlungsunfähigkeit der Hausverwaltung.

Der neoliberale Umbau des in den 1970er Jahren für den sozialen Wohungsbau erstellten Gebäudes wird zum totalen Fiasko. Um den maximalen Profit raus zuziehen wurden die Verhältnisse im Haus auf dem Kopf gestellt. Die Urheber und Profiteure haben sich aus dem Staub gemacht. Die durch die Umwandlung in Eigentumswohnungen und durch die Aufstockung des Dachs (mit hoher Gewinnerwartung) entstandenen Probleme sollen nun auf Kosten anderer gelöst werden.

Für die Bewohner bedeutet dies: viele verloren ihre Wohnung im Kiez. Die Mieter, die bis heute in ihren Wohnung ausgehalten und alle Anfeindungen überstanden haben, blicken zurück auf fast ein Jahrzehnt der Unsicherheit und Bedrängung – und kein Ende ist in Sicht. Die Bewohner, die unter dem Druck vertrieben zu werden, ihre Wohnung gekauft haben, weil sie im Kiez bleiben wollten – werden mit unvorhergesehenen Kosten konfrontiert. Die Erwerber, die hierher gezogen sind, leiden wie die alten Mieter und sitzen wie sie seit Jahren hinter einem ungenutzten Gerüst vor den Fenstern, für das sie auch noch bezahlen müssen.

Der neue Treppenlauf zum aufgestockten Dach fehlt noch. Die provisorische Abdeckung des Treppenhauses lässt den Regen durch. Die Tür zum leeren Aufzugsschacht ist mit OSB-Platten verschlossen.
Die Klinker fallen von der durchfeuchteten Außenwand.

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Ein Gedanke zu “Das Horrorhaus in der Kulmer- und Alvenslebenstraße

  1. Als Bewohnerin der Kulmer Straße kann ich diesen Bericht nur bestätigen. Den Fahrstuhl brauche ich dringend. Er wurde verschlossen mit großspurigen Versprechungen, die in keinen Belangen erfüllt worden. Von bröckelnder Fassade über Baugerüst, das mehrere Jahre vor unserem Wohnzimmer steht über Vermüllung über nicht funktionierendes Flurlicht. Einfach alles wahr: Horrorhaus! Und NICHTS passiert, außer Beschwichtigungen und Hinhalten: Es ist eine Schande und das wünsche ich Keine(m). Vor allem die älteren Bewohnerinnen und Bewohner tun mir leid, da ich als Ü80 sehr gut mitfühlen kann. Die Verantwortlichen sollen sich einfach nur schämen!
    Zu guter Letzt noch etwas Versöhnliches: Danke für den guten und wichtigen Artikel!

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