Filmemacher im Schöneberger Norden auf der Suche nach dem großen Knall

von Matthias Bauer

Wo kracht es an Silvester so richtig? Wo lassen lassen sich Anwohner die staatlichen Verbote nicht gefallen? Wo scheren sich die Bewohner nicht um die Regeln des Infektionsschutzes?

Weil sie genau dies zeigen wollten, kamen Anni und Martin in der Silvesternacht in den Schöneberger Norden. Glücklicherweise wurde ihre Erwartung nicht erfüllt, wie die kleinen, von ihnen auf Youtube veröffentlichten Filme zeigen.

Der erste Film trägt den Titel „Schöneberg gehört uns – Anwohner im Widerstand gegen die Besetzung ihres Kiez durch #Polizei #Berlin“. Er wurde kurz vor 22 Uhr in der Goebenstraße aufgenommen. Der im Titel des Films prognostizierte „Widerstand“ verrät die Intention der Filmemacher. Doch die angekündigte Action blieb in dieser Nacht aus, es blieb bei großen Sprüchen.

Screenshot aus dem Film. Die 30 steht für die frühere, bis 1993 gültige Postleitzahl des Stadtteils.

Interviewpartner auf der Kreuzung Goeben/Steimetzstraße sind drei Jungs, von denen einer vor die Kamera tritt. Er trägt einen schwarzen Pullover mit der Aufschrift „Schöneberg 30“ in weißer und roter Frakturschrift. Im Hintergrund sind Absperrgitter und Polizei zusehen. Auf die starke die Polizeipräsenz sind die Jungs stolz „alles unsere Läufer, werden sie testen“. Auf die Frage, wie Corona ihr Leben verändert habe, antwortet einer, dass man leider nicht mehr am Kudamm shoppen gehen könne, aber heute böllern wir die Sau weg, da wird alles auseinandergenommen. In einem zweiten Film, aufgenommen an der Kreuzung Potsdamer/Bülow kommt ein anderer Junge zu Wort, der kurz zuvor mit seiner Gruppe von der Polizei kontrolliert worden war. Heute seien sie schon zweimal kontrolliert worden, natürlich ohne Grund, beim zweiten Mal sei ihm gedroht worden, dass es beim nächsten Mal brenzlig werde. Deswegen zittere er nun, habe er fruchtbar Angst. Letztes Jahr seien er und ein Freund von der Polizei grundlos geschlagen und mit Pfefferspray angegriffen worden. Aus Angst vor der Polizei wolle er auch nicht im Film gezeigt werden. Zur Frage, wie Corona sein Leben verändert habe, antwortet er, er habe seinen Ausbildungsvertrag als Maler und Lackierer nicht bekommen, Termine seien geplatzt, in der Shishabar müssten die Pfeifen jetzt immer desinfiziert werden. Früher hätte das Austauschen des Wasser gereicht. Viele Freunde seien nun arbeitslos. Zum Feiern würde er sich jetzt zurückziehen in die Potsdamer 55 (nördlich der Lützow). Für das neue Jahr wünsche er sich Frieden, vor allem die Polizei solle friedlicher sein.

In einem weiteren Interview erläutert ein Sprecher der Polizei an der Ecke Potsdamer/Winterfeldstraße, dass die Kontrollen dem Infektionsschutzgesetz entsprächen, es gehe darum, zur Bekämpfung der Pandemie den Personenverkehr zu beschränken, ohne triftigen Grund solle man nicht außer Haus gehen, wenn es zu Ansammlungen käme, müsse die Polizei einschreiten.

Um Mitternacht dann ein weiterer kurzer Film, in dem Anni und Martin bedauern, dass dieses Silvester nicht so richtig gefeiert werden kann, den vielen Polizeikontrollen geschuldet. Ganz geben sie aber noch nicht auf auf der Suche nach Böllern und werden fündig im Abschnitt der Potsdamer Straße nördlich der Alvensleben, wo doch ein paar Kracher gezündet werden. Nur leider greift die Polizei hier nicht ein, denn der Ort liegt knapp jenseits der Absperrung, also außerhalb der Pyroverbotszone.

Den ganz großen Knall gab es dieses Jahr nicht. Den Ankündigungen der Jungs aus der Goebenstraße im ersten Film folgte nichts. Es war ruhiger als in der vergangenen Jahren, es wurde keine Bushalte auseinandergenommen, der Aufzug zur U-Bahn wurde diesmal nicht in die Luft gesprengt. Vermutlich wären dies die Bilder gewesen, bzw. der darauf folgende Einsatz der Polizei gegen die Jugendlichen, auf die Anni und Martin gewartet haben. Die Hoffnung der Filmemacher, hier in Schöneberg den „Widerstand gegen die Besetzung des Stadtteils“ und damit auch gegen die Coronamaßnahmen dokumentieren zu können, erfüllte sich nicht.

Im letzten Film um Mitternacht beglückwünschen sich Anni und Martin selbst für ihren Einsatz “für Demokratie und Rechtsstaat“ im vergangenen Jahr und am Silvesterabend. Für sie ist klar, dass es ausschließlich polizeiliche Maßnahmen waren, die ein richtiges Silvester verhindert haben. Dass manche möglicherweise aus Einsicht in die Notwendigkeiten der Pandemiebekämpfung zuhause geblieben sind, kommt ihnen nicht in den Sinn.

Wer sind Anni und Martin?

Anni und Martin, haben in den letzten Monaten mehrere kleine Filme über Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen auf Youtube veröffentlicht. Über Anne Höhne hat der Deutschlandfunk Kultur berichtet, dass sie Redakteurin der Zeitung des selbsternannten „Demokratischen Widerstands“ sei, der sich im Rahmen der Hygienedemos gebildet hat. Eine der Grundthesen dieser Zeitung ist, dass die Coronavirus an sich ungefährlich sei, die Pandemie jedoch von Politik und Staat genutzt würde, um demokratische Freiheiten einzuschränken. Link zum Bericht des Deutschlandfunk Kultur, in dem Anne Höhne porträtiert wird

Martin ist Martin Lejeune, ein vierzigjähriger Journalist, der sich hier als Verteidiger von Bürgerrechten inszeniert, in anderen Zusammenhängen jedoch weniger Probleme mit der Ausübung staatlicher Macht offenbarte. Auf der Wikipedia-Seite über Martin Lejeune wird ein Text von 2014 zitiert, in dem der Autor über die Hinrichtung von 18 Palästinensern in Gaza berichtete, eine Ausübung staatlicher Macht, die er offensichtlich damals völlig in Ordnung fand:

Von den 18 hatten sehr viele Kollaborateure allerdings schon vor Ausbruch der Operation Protective Edge ihr Todesurteil erhalten, verhängt durch ordentliche palästinensische Gerichte. Alles ganz legal. […] am Freitag ist sie halt vollstreckt worden. […] Die betroffenen Familien wurden diskret informiert und die Kinder der 18 werden wie die Kinder von Märtyrern behandelt, also finanziell und sozial versorgt. Das alles ist sehr sozial abgelaufen.“

Link zum Youtube-Channel von Anne Höhne und Martin Lejeune

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